Stimmt es, dass wir nur 10 Prozent unseres Gehirns nutzen?
WissenQuelle: Redaktion erftstadt.today

Stimmt es, dass wir nur 10 Prozent unseres Gehirns nutzen?

Stand: 4. Oktober 2026 · Fehler entdeckt? Hinweis senden

Nur zehn Prozent unseres Gehirns sollen wir nutzen, der Rest liege brach. Das stimmt nicht, und es lässt sich auf mehreren Wegen zeigen.

Was dagegen spricht

Das Gehirn macht etwa zwei Prozent des Körpergewichts aus, verbraucht aber bis zu 20 Prozent der Energie. Ein so teures Organ würde die Evolution kaum zu neunzig Prozent ungenutzt lassen.

Dazu kommen Hirnscans. Sie zeigen keinen Bereich, der völlig untätig ist, selbst im Schlaf nicht. Im Schlaf ist das Gehirn nur in anderen Zuständen aktiv. Auch Schäden sprechen gegen die Zahl: Schon kleine Verletzungen, etwa nach einem Schlaganfall, können schwere Ausfälle verursachen. Eric Chudler von der University of Washington rechnet vor, dass von einem 1400 Gramm schweren Gehirn bei neunzig Prozent Verlust nur noch etwa 140 Gramm übrig wären, ungefähr so viel wie bei einem Schaf.

Der Neurologe Barry Gordon sagt: „Wir nutzen praktisch jeden Teil des Gehirns, und der größte Teil davon ist fast immer aktiv.“ Hinzu kommt ein Grundsatz des Nervensystems. Wer Verbindungen nicht nutzt, verliert sie mit der Zeit. Außerdem gibt es für ähnliche Aufgaben mehrere Nervenbahnen als Sicherung, und selbst bei Parkinson, das nur bestimmte Hirnbereiche trifft, sind die Folgen schwer.

Ein Satz von William James

Wo kommt der Mythos dann her? Eine Spur führt zum Psychologen William James. Er schrieb 1908 in „The Energies of Men“, wir nutzten nur einen kleinen Teil unserer möglichen geistigen und körperlichen Ressourcen. Von zehn Prozent war in diesem Satz keine Rede. Es ging ihm um Möglichkeiten, nicht um Gehirnmasse.

Wie die Zahl ins Vorwort kam

Die konkrete Prozentzahl tauchte offenbar erst 1936 auf. Lowell Thomas schrieb damals das Vorwort zu Dale Carnegies Bestseller „How to Win Friends and Influence People“, und dort wurde James die Zehn-Prozent-Angabe zugeschrieben. Aus einer vorsichtigen Überlegung wurde so eine scheinbar harte Tatsache.

Ob das die einzige Quelle ist, lässt sich nicht sicher sagen. Chudler nennt mehrere mögliche Ursprünge, darunter Missverständnisse über Experimente, bei denen Ratten nach dem Entfernen von Hirnrinde Aufgaben neu lernten, und über kleine Nervenzellen, deren Aufgabe man in den 1930er Jahren noch nicht kannte. Er merkt auch an, dass Werbung die Zahl über Jahre weiterverbreitet hat, etwa für Satellitenfernsehen, Festplatten oder Fluglinien.

Quellen: Wikipedia, Ten-percent-of-the-brain myth, Eric Chudler, University of Washington

Aus der Reihe „Mythos oder Wahrheit?“: Was alle glauben, nachgeprüft. Recherche und Text mit KI-Unterstützung, jede Aussage mit Quelle. Stimme und Zeichnungen im Video sind KI-erstellt. Fehler entdeckt? redaktion@erftstadt.today

Artikel teilen