Erftstadts Geschichte: 9 Geschichten, die fast niemand kennt
GeschichteQuelle: Redaktion erftstadt.today

Erftstadts Geschichte: 9 Geschichten, die fast niemand kennt

Stand: 2. Oktober 2026 · Fehler entdeckt? Hinweis senden

Römer, Hexenprozesse, ein Kindergarten für Amerika und eine Flucht am Seil: Neun Geschichten aus Erftstadt, die fast niemand kennt. Hier ist der vollständige Text zum Video, jede Aussage mit Quelle.

1. Die Römerstraße

Unter den Äckern rund um Erftstadt liegen etwa 60 römische Gutshöfe. Und mittendurch lief eine der großen Straßen der Antike: die Römerstraße von Köln nach Trier, rund 147 Kilometer lang und etwa 2000 Jahre alt. In Liblar kreuzte sie die Straße von Bonn nach Neuss. Und bei Frauenthal, wo sie die Erft überquerte, stand vermutlich eine Straßenstation, eine Art Raststätte für Reisende. Ihre Reste hat man im Boden gefunden, und heute kannst du sie dir anschauen: Gabionen zeichnen den Grundriss nach, und daneben steht ein Modell. Kein Wunder, dass hier ordentlich gearbeitet wurde. Im Rotbachtal bei Friesheim standen mindestens sieben Töpferöfen. Zwischen Lechenich und Ahrem gab es sogar eine Großbäckerei, mit vier Backöfen. Auch Soldaten, die ihren Dienst hinter sich hatten, ließen sich hier nieder. Bei Kierdorf hat man den Grabstein eines Veteranen der Ersten Germanischen Legion gefunden. Und Lechenich? Der Name geht auf römerzeitliche Göttinnen zurück, die Matronae Lanehiae. Ihr Weihestein liegt heute im Landesmuseum in Bonn. Das Beste kommt zum Schluss: Die Straße gibt es noch. Am Südrand von Erp ist ihre schnurgerade Trasse heute ein ganz normaler Feldweg, und ab Liblar kannst du ihr bis Richtung Zülpich folgen. Wer dort spazieren geht, läuft auf einer 2000 Jahre alten Fernstraße.

Quellen: de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org

2. Stadt vom Reißbrett

Wer Lechenich von oben anschaut, sieht ein fast perfektes Viereck. Das ist kein Zufall, denn die Altstadt ist nicht einfach gewachsen. Sie wurde geplant. Ab 1254 ließ Kölns Erzbischof Konrad von Hochstaden den Ort neu anlegen, rund 420 mal 390 Meter groß, mit dem Markt genau in der Mitte. Die etwa 30 Häuser am Markt hatte er sich vorher eingetauscht. 1279 bekam Lechenich dann die Stadtrechte. Und warum das Ganze? Köln lag im Streit mit den Grafen von Jülich, es ging um Land und Macht. Wie unruhig die Zeiten waren, zeigt das Jahr 1301: Im Auftrag des Königs zerstörten der Graf von Jülich und seine Verbündeten die alte Burg und die halbfertigen Mauern. Ab 1306 ließ Erzbischof Heinrich von Virneburg deshalb eine neue Landesburg bauen. Ihre Turmmauern sind unten zweieinhalb Meter dick. Die Kölner Erzbischöfe wohnten oft hier, und von der Burg aus liefen Verwaltung und Gericht für das ganze Amt Lechenich. 1702 und 1722 brannte die Stadt fast vollständig ab. Das Straßennetz aus der Gründungszeit hat trotzdem alles überstanden. Neben den Resten der Burg stehen heute noch zwei Stadttore, das Bonner und das Herriger Tor. Wenn du durch Lechenich spazierst, läufst du also durch einen Bauplan aus dem Mittelalter.

Quellen: de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, www.kuladig.de, erftstadtwiki.de

3. Der Gymnicher Ritt

Ein Ritter versinkt mitsamt Pferd im Sumpf, und deshalb ziehen in Gymnich bis heute Hunderte zu Pferd und zu Fuß durch die Felder. So erzählt es zumindest die Legende. Ritter Arnold von Gymnich soll im Morast festgesteckt und gelobt haben: Wenn Gott ihn rettet, reitet er jedes Jahr um sein Heimatdorf. Und was davon stimmt? Belegt ist nur, dass ein Aachener Ritter namens Arnold von Gimmenich nach Damiette in Ägypten zog. Eine Urkunde, mit der der Ritt gestiftet wurde, gibt es nicht. Historiker vermuten eher, dass alles mit einer alten Flurprozession begann, bei der die Felder gesegnet wurden. Jetzt wird es spannend: Den Ritter mit Gymnich verbunden hat erst ein Vikar, im Jahr 1925. Er legte gleich auch das Gründungsjahr fest, nämlich 1225, passend zur 700-Jahr-Feier. Schriftlich erwähnt wird der Ritt zum ersten Mal 1809. Gefeiert wird er trotzdem, jedes Jahr an Christi Himmelfahrt. 2025 waren über 140 Pferde und rund 550 Fußpilger dabei. Zwölf Kilometer ging es durch die Felder, und der Pfarrer ritt mit und segnete Menschen und Felder. Der Ritt gilt als größte Reiterprozession im Rheinland, und seit April 2026 ist er Immaterielles Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Legende hin oder her: Geritten wird hier seit Jahrhunderten.

Quellen: www.kunibertus-gymnich.de, de.wikipedia.org, www.erzbistum-koeln.de, www.radioerft.de, www.rotbach-erftaue.de

4. Hexenprozesse

Lechenich im Jahr 1604. Eine Frau stirbt im Gefängnis, ohne gestanden zu haben, und trotzdem soll sie verbrannt werden. Sie hieß Gret Lambertz und war Witwe, aus Köttingen. Beschuldigt hatte sie eine Magd, unter Folter. Die beiden seien zusammen auf dem Hexentanzplatz unter der Linde in Bliesheim gewesen, so lautete der Vorwurf. Eines Morgens lag Gret tot in ihrer Zelle. Der Hofrat entschied trotzdem, sie zu verbrennen, weil man angebliche Hexenmale an ihr gefunden hatte. Drei Jahre später, 1607, bekam Kurköln eine eigene Hexenordnung, und ab 1626 rollte eine regelrechte Welle von Prozessen an. Sogar eine Kölner Nonne, Sofia Agnes von Langenberg, wurde in Lechenich verhört und hingerichtet. Unter der Folter nannte sie weitere Namen, und die Spur führte bis nach Köln. Und die Rechnung? Die wurde aus dem Vermögen der Beschuldigten bezahlt: der Henker, die Juristen, sogar das Holz. Die Lechenicher Schöffen baten den Kurfürsten, wenigstens denen die Folter zu ersparen, die schon gestanden hatten. Er lehnte ab. Die letzten Prozesse in Lechenich sind für 1630 belegt. Auf etwa 35 Hinrichtungen lässt sich hier schließen, wie viele Opfer es insgesamt waren, weiß niemand. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, und die meisten kamen aus unseren Dörfern.

Quellen: www.erftstadt.de

5. Carl Schurz

In New York gibt es einen Park, in dem der Bürgermeister wohnt, und benannt ist er nach einem Jungen aus Liblar. Carl Schurz kam am 2. März 1829 in der Vorburg von Schloss Gracht zur Welt. Klingt adelig, war es aber nicht: Sein Großvater hatte das Land rund ums Schloss nur gepachtet. Zur Schule ging Carl nach Brühl, im Sommer zu Fuß, jeden Tag sieben Kilometer hin und sieben zurück. 1849 kämpfte er für die Revolution und saß plötzlich in der Festung Rastatt fest. Er versuchte, durch einen Abwasserkanal zu entkommen, doch am Ausgang standen preußische Wachen. Also zurück, verstecken, ein paar Tage abwarten. Dann brachte ihn ein Boot über den Rhein. In Amerika machte er eine erstaunliche Karriere. Er wurde der erste in Deutschland geborene US-Senator und von 1877 bis 1881 sogar Innenminister. Die Indianerbehörde hielt er in ziviler Hand, die Umsiedlungen gingen unter ihm aber weiter. Berühmt ist sein Satz aus dem Senat von 1872: „Mein Land, recht oder unrecht. Ist es im Recht, soll es so bleiben. Ist es im Unrecht, muss es ins Recht gesetzt werden.“ In Liblar erinnern heute eine Straße, ein Platz, eine Schule und eine Bronzebüste an ihn. Ein ziemlich weiter Weg, von der Vorburg in Liblar bis ins Kabinett nach Washington.

Quellen: carl-schurz.de, carl-schurz.de, en.wikisource.org, de.wikipedia.org, en.wikipedia.org, en.wikiquote.org, en.wikipedia.org

6. Flucht am Seil

Mitten in der Nacht wird ein Professor an einem Seil vom Dach eines Zuchthauses heruntergelassen, und unten wartet sein Student. Der Professor ist Gottfried Kinkel, Dichter und Hochschullehrer in Bonn, der Student heißt Carl Schurz und kommt aus Liblar. Kinkel hatte 1849 für die Revolution gekämpft, war verwundet in Gefangenschaft geraten und zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im Zuchthaus schor man ihm den Kopf, und er musste Wolle spinnen. 1850 reiste Schurz heimlich nach Berlin, mit dem Pass seines Vetters. Dort gewann er den Wärter Georg Brune für den Plan. Der wollte sein Geld allerdings vorher, und Schurz brachte es ihm in einer Zigarrenkiste. Der erste Versuch scheiterte, weil ein Schlüssel fehlte. In der nächsten Nacht ließ Brune Kinkel dann aus einer Dachluke am Seil hinunter. Ziegel prasselten aufs Pflaster, eine rumpelnde Kutsche übertönte den Lärm. Kinkels Hände waren vom Seil völlig aufgerissen. Bevor es weiterging, tranken die Freunde noch aus der Punschbowle der Wärter, die nebenan feierten. Danach ging es über Rostock nach Warnemünde, wo ein kleiner Schoner mit Weizenladung die beiden nach Schottland brachte. In Liblar trägt heute eine Realschule Kinkels Namen. Ein Seil, ein bezahlter Wärter und ein Freund aus Liblar: So kam Kinkel frei.

Quellen: en.wikisource.org, en.wikisource.org, de.wikipedia.org, en.wikipedia.org, de.wikipedia.org

7. Kindergarten made in Germany

Amerikas erster Kindergarten hatte gerade mal fünf Kinder, und gesprochen wurde dort Deutsch. Gegründet hat ihn 1856 Margarethe Schurz, die Frau von Carl Schurz aus Liblar. Sie kam aus Hamburg und hörte schon mit sechzehn die Vorträge von Friedrich Fröbel, dem Erfinder des Kindergartens. Später half sie in London im Kindergarten ihrer Schwester, und dort heiratete sie 1852 den geflüchteten Carl Schurz. In Watertown in Wisconsin fing sie dann mit ihrer Tochter und ein paar Kindern aus der Verwandtschaft an. Gespielt, gesungen und gelernt wurde auf Deutsch. Zu Hause wurde es allerdings bald zu laut, also zog die kleine Gruppe in ein schlichtes Holzhaus um. 1859 traf Margarethe die Pädagogin Elizabeth Peabody, und die war so begeistert, dass sie sich von da an dem Kindergarten widmete. 1860 eröffnete Peabody in Boston den ersten englischsprachigen Kindergarten der USA. Wo nun der allererste stand, stellte die Library of Congress 1955 klar: in Watertown, nicht in Boston. Das kleine Holzhaus gibt es übrigens noch, heute ist es ein Museum. Amerikas Kindergarten begann mit fünf Kindern und der Frau eines Liblarers.

Quellen: de.wikipedia.org, en.wikipedia.org, www.wisconsinhistory.org, www.watertownhistory.org, en.wikipedia.org

8. Kohle, Klütten, Badeseen

Der Liblarer See, Erftstadts großer Badesee, war bis 1961 eine Kohlegrube. Angefangen hat alles schon um 1730. Damals gruben die Leute in Liblar Braunkohle und formten daraus von Hand sogenannte Klütten, mit denen sie heizten. Später kamen Brikettpressen und richtig große Gruben dazu, und rund 100 Jahre lang war die Kohle hier der wichtigste Wirtschaftszweig. Die Grube Donatus setzte ab 1895 als erste in der Region einen Dampfbagger ein. Rund 750 Männer arbeiteten dort in der Grube und in der Brikettfabrik. In Kierdorf mussten im 19. Jahrhundert sogar Schulkinder in den Gruben arbeiten. Bei der Grube Vereinigte Ville lag die Kohle bis zu 75 Meter dick, und darüber nur zwölf Meter Erde. Irgendwann waren die Vorräte aber erschöpft. 1958 schloss die Brikettfabrik Concordia, 1959 die Grube Donatus und 1961 die Grube Liblar. Unterwegs hatte der Abbau sogar die alte Straße nach Brühl zerstört. In den Restlöchern sammelte sich Grundwasser, und so entstanden Dutzende Seen in der Ville, darunter der Liblarer See. Aufgeforstet wurde schon ab 1920, mit Buchen, Kiefern und Lärchen. Die Ville-Seen und ein großer Teil des Waldes sind keine alte Natur. Es ist Natur, die nach der Kohle kam.

Quellen: de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, www.kuladig.de, www.forschungsstellerekultivierung.de

9. Wie Erftstadt entstand

Beinahe hätte Erftstadt Lechenich geheißen, und Liblar wäre gar nicht dabei gewesen. Gegründet wurde die Stadt am 1. Juli 1969 per Landesgesetz. Dafür legte man zwölf Gemeinden aus dem Kreis Euskirchen und eine aus dem Kreis Düren zusammen, darunter Lechenich, Liblar, Erp, Friesheim, Gymnich, Bliesheim und Kierdorf. Im Landtag wollte der zuständige Ausschuss Liblar zunächst außen vor lassen, und die neue Stadt hätte dann Lechenich geheißen. Doch ein Änderungsantrag von SPD und FDP holte Liblar zurück. Liblarer Politiker hatten sich für einen neutralen Namen starkgemacht, denn keiner der Orte konnte für sich beanspruchen, der Hauptort zu sein. Also benannte man die Stadt nach dem Fluss dazwischen, der Erft. Genau dort, an der Erft, sollte auch ein neues gemeinsames Zentrum entstehen. 1976 wurde der Plan allerdings aufgegeben. Deshalb hat Erftstadt bis heute zwei Pole: Das Rathaus steht seit 1989 in Liblar, ein Teil der Verwaltung sitzt in Lechenich. 1975 wechselte die Stadt übrigens vom Kreis Euskirchen in den neuen Erftkreis. Erftstadt ist kein gewachsener Ort, sondern ein Kompromiss, benannt nach dem Fluss, der mittendurch fließt.

Quellen: de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org, de.wikipedia.org

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