Die Ville im Winter: Wie der Wald bei 4 Grad überlebt
Vor OrtQuelle: Redaktion erftstadt.today

Die Ville im Winter: Wie der Wald bei 4 Grad überlebt

Stand: 3. Juli 2026 · Fehler entdeckt? Hinweis senden

Im Winter verstummt die Ville. Kein Blatt raschelt, kein Vogel singt. Die Seen glänzen wie schwarzes Glas. Wer durch den Altwald Ville bei Erftstadt geht, glaubt, der Wald schläft. Aber das stimmt nicht. Unter der ruhigen Oberfläche läuft das Leben weiter — verlangsamt, aber nicht gestoppt. Der Wald hat Strategien entwickelt, die Millionen Jahre alt sind.

Die Naturwaldzelle Altwald Ville ist im Winter der ruhigste Ort im Rhein-Erft-Kreis. Kein Forstarbeiter, kein Wanderer auf den Pfaden, kein Lärm. Aber wer genauer hinsieht, entdeckt ein verstecktes Leben: In Baumhöhlen schlafen Fledermäuse. In Rindenlücken überwintern Käfer. Im Schlamm der Seen warten Amphibien auf den Frühling.

Warum am Seegrund immer vier Grad herrschen

Wasser hat eine eigentümliche Eigenschaft: Bei vier Grad hat es seine größte Dichte. Kälteres Wasser ist leichter und steigt auf, wärmeres ist schwerer und sinkt ab. Das bedeutet: Wenn ein See im Winter an der Oberfläche gefriert, bleibt am Grund immer vier Grad — solange der See nicht bis zum Grund durchfriert. Vier Grad ist die magische Grenze. Darunter sterben Fische und Amphibien. Bei vier Grad überleben sie.

Der Liblarer See, der Köttinger See, der Donatussee — sie können im strengen Winter eine Eisschicht tragen. Doch am Grund, im dunklen, stillen Wasser, wartet das Leben. Frösche graben sich in den Schlamm ein und reduzieren ihren Stoffwechsel auf ein Minimum. Sie atmen durch die Haut. Sie bewegen sich kaum. Sie warten.

Wie Fledermäuse den Herzschlag auf 20 senken

Waldfledermäuse überwintern in Baumhöhlen — oft in alten Höhlen, die der Schwarzspecht in morsche Buchen gehauen hat. Eine einzige Höhle kann dutzende Tiere beherbergen. Fledermäuse senken im Winter ihre Körpertemperatur auf wenige Grad und reduzieren ihren Herzschlag von über 400 Schlägen pro Minute auf unter 20. Sie atmen nur noch wenige Male pro Minute. In diesem Zustand können sie wochenlang ohne Nahrung überleben.

Wer im Winter zu nah an eine Höhle kommt und den Bewohner weckt, gefährdet sein Überleben — der Energieverbrauch des Aufwachens kann tödlich sein. Die Altwald Ville, wo seit 1978 keine Bäume gefällt werden, hat genug alte Höhlenbäume. Das macht sie zu einem wichtigen Winterquartier für Fledermäuse in der Region.

Der Eremit schläft im Holz — für vier Jahre

Der Eremit (Osmoderma eremita) ist einer von fünf Urwaldrelikt-Käfern, die in der Ville leben. Seine Larven brauchen morsches Holz, das seit Jahrzehnten ungestört ist. Im Winter ruhen sie in ihren Gängen im Totholz. Im nächsten Frühling setzen sie das Fressen fort. Der Eremit kann drei bis vier Jahre als Larve im Holz leben, bevor er sich zum fertigen Käfer entwickelt.

Diese Langsamkeit ist der Grund, warum er in Wirtschaftswäldern ausstirbt — dort wird das Totholz entfernt, bevor der Zyklus vollendet ist. In der Naturwaldzelle hat er Zeit. 48 Jahre ungestörtes Totholz bedeuten: Generationen von Eremiten-Larven haben ihren gesamten Entwicklungszyklus im selben morschen Stamm durchlaufen können.

Das Pilznetzwerk arbeitet weiter — auch unter dem Schnee

Der Waldboden der Ville ist im Winter nicht tot. Das Geflecht aus Pilzfäden, das die Baumwurzeln verbindet, bleibt aktiv. Pilze können auch bei niedrigen Temperaturen Nährstoffe transportieren und zersetzen — langsamer als im Sommer, aber nicht stoppen. Während die Bäume über dem Boden ruhen, arbeitet das unsichtbare Netzwerk unter der Erde weiter.

Das bedeutet: Der Wald ist im Winter nicht still. Er ist leise. Unter der Oberfläche aus Rinde, Schnee und totem Laub läuft ein Stoffwechsel, der nie ganz zum Stillstand kommt. Die Bäume stehen ohne Blätter, aber ihre Wurzeln sind verbunden — über Pilzgeflecht, das den Kohlenstoff speichert, den die Bäume im Sommer aufgebaut haben.

Die Stille täuscht

Wer im Winter durch die Ville geht, sieht einen scheinbar toten Wald. Aber das Totholz ist voller Schlafender. Die Seen sind voller Wartender. Die Seen halten vier Grad am Grund. Die Fledermäuse halten 20 Herzschläge. Die Käferlarven halten vier Jahre Winterruhe im morschen Holz. Und unter der Erde hält das Pilznetzwerk die Bäume miteinander verbunden.

Die Ville im Winter ist kein toter Wald. Sie ist ein Wald, der den Frühling vorbereitet.

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