Die Ville im Sommer: 40 Seen und 1071 Käferarten
Vor OrtQuelle: Redaktion erftstadt.today

Die Ville im Sommer: 40 Seen und 1071 Käferarten

Stand: 19. Juli 2026 · Fehler entdeckt? Hinweis senden

Die Ville bei Erftstadt ist kein gewöhnlicher Wald. Wer im Sommer einen der 40 Seen erreicht, betritt eine Landschaft, die es vor 100 Jahren nicht gab. Wo Bagger Braunkohle aus der Erde holten, wächst heute einer der artenreichsten Wälder Nordrhein-Westfalens. 1071 Käferarten, 83 Pilzarten und fünf Urwaldrelikt-Käfer, die anderswo in Deutschland fast verschwunden sind, leben hier — mitten im Rhein-Erft-Kreis, zwischen Brühl und Erftstadt.

Herzstück ist die Naturwaldzelle Altwald Ville: 20 Hektar Wald, die seit 1978 sich selbst überlassen wurden. Kein Baum wird gefällt, kein Holz geräumt. Was tot umfällt, bleibt liegen. Was wächst, darf wachsen. Die Ausweisung erfolgte durch das Land Nordrhein-Westfalen, die hoheitliche Aufsicht liegt beim Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft. Die Naturwaldzelle ist Teil des 66,13 Hektar großen Naturschutzgebiets gleichen Namens, das seit 2003 unter Schutz steht.

20 Hektar Wildnis mitten im Rheinland

20 Hektar klingen wenig — ein halber Quadratkilometer. Aber was hier passiert ist, ist in Mitteleuropa selten. In der Naturwaldzelle Altwald Ville gilt: keine wirtschaftliche Nutzung. Keine Forstwirtschaft, keine Jagd, keine Wegepflege. Der Wald ordnet sich selbst. Buchen dominieren, durchsetzt mit Eichen, Hainbuchen, Birken, Pappeln und Bergahorn. Der Boden besteht aus Löss und Lössfließerde aus dem Pleistozän — tonig-sandiger Schluff über kiesigem lehmigem Sand. Das ist fruchtbarer Boden, auf dem in 100 Jahren aus einer Abbaugrube ein Wald wurde.

Wer durch die Naturwaldzelle geht, sieht umgestürzte Bäume, morsche Stämme und abgebrochene Äste. Das ist kein Chaos. Es ist Lebensraum. Ein einziger toter Buchenstamm beherbergt mehr Insektenarten als ein lebender Baum. In der Naturwaldzelle wurde die Studie des Entomologen Frank Köhler dokumentiert: 1071 Käferarten auf 20 Hektar. Das ist mehr, als in vielen deutschen Nationalparks nachgewiesen wurden. Viele davon sind Totholzkäfer — Arten, die auf morsches Holz angewiesen sind und anderswo keine Überlebenschance haben.

Der Eremit — ein Käfer, der nirgendwo anders überlebt

Fünf Urwaldrelikt-Käferarten wurden in der Altwald Ville nachgewiesen. Der bekannteste ist der Eremit (Osmoderma eremita), ein großer, dunkler Käfer, der in alten, hohlen Laubbäumen lebt. Seine Larven brauchen morsches Holz, das seit Jahrzehnten ungestört ist. In Wirtschaftswäldern, in denen Totholz sofort entfernt wird, stirbt der Eremit aus. Die Ville ist einer seiner letzten Rückzugsorte in Nordrhein-Westfalen.

Das Geheimnis der Artenvielfalt ist einfach: Zeit. Seit 1978 hat hier niemand eingegriffen. 48 Jahre ungestörte Sukzession — die natürliche Wiederbesiedlung einer gestörten Landschaft. In dieser Zeit hat sich ein Ökosystem aufgebaut, das in seiner Komplexität einem Urwald nahekommt.

40 Seen aus dem Tagebau

Die Villeseen sind Restlöcher des Braunkohle-Tagebaus. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde hier Braunkohle in verschiedenen Gruben abgebaut — die Grube Liblar, die Vereinigte Ville, das Gruhlwerk, die Grube Concordia, die Grube Donatus. Als der Abbau endete, füllten sich die Gruben mit Grundwasser. Heute sind es etwa 40 Seen und Weiher auf einer Fläche von fast 75 Quadratkilometern, die sich als Brut-, Laich- und Rückzugsgebiet für Tiere und Pflanzen etabliert haben.

Die Seen bei Erftstadt sind besonders vielfältig. Der Liblarer See mit 52,8 Hektar und einem Strandbad ist der größte und beliebteste Badesee. Der Köttinger See mit 41,5 Hektar ist ein ruhiger Natursee ohne Bademöglichkeit. Der Franziskussee (16,1 Hektar) ist Teil eines Naturschutzgebiets. Der Donatussee (9,6 Hektar) liegt abseits der Wege. Der Zieselsmaar ist ein umzäunter FKK-Badesee. Der Roddersee ist belastet und gesperrt — ein Beispiel dafür, dass nicht jeder See sich selbst regenerieren kann.

Im Sommer erreichen die obersten Wasserschichten 20 bis 24 Grad. Die Seen sind erwärmt, aber empfindlich. Braunkohle-Tagebauseen sind oft nährstoffreich und neigen zu Algenblüten. Die Wasserqualität wird regelmäßig vom Landesamt für Natur, Umwelt und Klima NRW überwacht. Wer badet, sollte die offiziellen Badesee-Informationen beachten.

Die Ville im Sommer besuchen

Die Ville liegt zwischen Brühl und Erftstadt im Naturpark Rheinland. Die Seen sind beliebte Ausflugsziele für den Großraum Köln-Bonn. Der Liblarer See bietet ein Strandbad mit Liegewiese. Der Bleibtreusee bei Brühl-Heide ist mit 74,2 Hektar der größte Badesee der Ville. Der Heider Bergsee wird vom Kanuverein Faltbootfreunde Brühl als Trainingsgewässer genutzt. Der Otto-Maigler-See bei Hürth ist Trainingsgewässer zweier Rudervereine.

Wer Ruhe sucht, sollte die Wege abseits der Badeseen wählen. Der Villeweg, vom Naturpark ausgewiesen, führt vom Reiterhof Birkhof an der A553 über die Villenhöhe bis zum Bahnhof Kottenforst. Wer die Naturwaldzelle Altwald Ville erreichen will, findet sie südwestlich von Brühl, am südöstlichen Rand der A553, westlich der L163 und der A61.

Ein Wald, der sich selbst heilt

Die Ville ist der Beweis, dass Natur sich regeneriert, wenn der Mensch loslässt. Aus kahlen Abbaugruben entstand in 100 Jahren ein Mischwald. Aus Tagebaulöchern wurden Seen. Aus Industrieland wurde Naturschutzgebiet. Die Naturwaldzelle zeigt, was möglich ist, wenn man der Natur Zeit gibt: 48 Jahre reichten, um auf 20 Hektar einen Wald wachsen zu lassen, der 1071 Käferarten beherbergt.

Die Ville im Sommer ist mehr als ein Naherholungsgebiet. Sie ist ein Freiluftlabor für Renaturierung. Wo Braunkohle den Boden zerstörte, wächst heute ein Ökosystem, das Forscher aus ganz Deutschland untersuchen. Der Sommer ist die beste Zeit, um das zu sehen: Wenn die Buchen im vollen Blatt stehen, die Seen glitzern und die Libellen über dem Wasser jagen, lässt sich ahnen, wie Mitteleuropa aussah, bevor der Mensch es prägte.

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