Die Ville im Herbst: Wenn 83 Pilzarten Totholz in Erde verwandeln
Vor OrtQuelle: Redaktion erftstadt.today

Die Ville im Herbst: Wenn 83 Pilzarten Totholz in Erde verwandeln

Stand: 10. Juli 2026 · Fehler entdeckt? Hinweis senden

Wenn die Buchen der Ville ihr Laub abwerfen, beginnt der wichtigste Prozess des Waldes. Was wie Sterben aussieht, ist der Anfang neuen Lebens. Pilze, Insekten und Bakterien zersetzen das gefallene Laub und das Totholz — und verwandeln es in Erde. Ohne diesen Kreislauf gäbe es keinen Waldboden, keine neuen Bäume, keinen Wald.

In der Naturwaldzelle Altwald Ville bei Erftstadt liegt im Herbst der Waldboden dick unter goldenem Buchenlaub, darunter morsche Stämme und Äste. Für den Waldbesucher wirkt es chaotisch. Für den Wald ist es ein Buffet — die größte Nahrungsquelle des Jahres. Denn hier gilt seit 1978: Was umfällt, bleibt liegen. Niemand räumt auf.

Ein toter Baumstamm braucht 30 Jahre

Ein toter Buchenstamm braucht im Wald 20 bis 30 Jahre, bis er vollständig zersetzt ist. In der Naturwaldzelle, wo Totholz liegen bleibt, läuft dieser Prozess ungestört. In Wirtschaftswäldern wird das Holz längst vorher abgefahren. Der Unterschied: Hier hat die Zersetzung Zeit, in all ihren Stadien abzulaufen — vom frischen Totholz über morsche Stämme bis zur dunklen, krümeligen Erde, aus der neue Bäume wachsen.

83 Pilzarten wurden in der Altwald Ville wissenschaftlich dokumentiert. Sie sind die Recycler des Waldes. Pilzfäden durchdringen totes Holz, zersetzen Lignin und Zellulose und wandeln festes Holz in lockere Erde um. Besonders im Herbst, wenn die Luft feucht und die Temperaturen mild sind, erscheinen ihre Fruchtkörper: Hutpilze, Bauchpilze, Rindenpilze. Was wir sehen, ist nur ein Bruchteil des Organismus. Das eigentliche Myzel durchzieht den Waldboden unsichtbar, Hektar für Hektar.

Warum ein einzelnes Myzel Hunderte Bäume verbindet

Unter dem Waldboden der Ville liegt ein Geflecht aus Pilzfäden, die mit den Baumwurzeln verschmelzen — die Mykorrhiza. Über dieses Netzwerk tauschen Bäume Nährstoffe aus. Ein alter Buchenbaum kann Zucker an einen jüngeren Baum weitergeben, der im Schatten steht. Umgekehrt kann ein Baum, der im Sommer genug Licht hatte, im Herbst Nährstoffe an Nachbarn abgeben, die schwächer sind.

Ein einzelnes Myzel kann Hunderte Quadratmeter Boden durchdringen und dabei dutzende Bäume miteinander verbinden. Wissenschaftler nennen dieses Netzwerk das Wood Wide Web. In der Altwald Ville, wo der Wald seit fast 50 Jahren ungestört ist, ist dieses Geflecht besonders dicht. Die Pilzartenvielfalt ist ein direkter Indikator für die ökologische Qualität eines Waldes — 83 Arten auf 20 Hektar ist ein außergewöhnlich hoher Wert.

Der Schwarzspecht hämmert 14 Tage lang

Im Herbst hört man ihn oft — das tiefe, langsame Klopfen des Schwarzspechts. Mit 45 Zentimetern Körperlänge ist er der größte Specht Europas. Er braucht alte Bäume mit morschem Holz für seine Höhlen und hämmert eine neue in 10 bis 14 Tagen. Er bevorzugt Buchen mit einem Stammdurchmesser von mindestens 35 Zentimetern, deren Holz im Inneren bereits weich ist.

Seine alten Höhlen werden nicht leer bleiben. Fledermäuse, Eulen, Hohltauben und Baumläufer übernehmen verlassene Spechthöhlen. Ein einziger morscher Baum in der Ville ist über Jahre hinweg Wohnung für dutzende Tierarten. In Wirtschaftswäldern, in denen solche Bäume gefällt werden, fehlt dieser Lebensraum komplett.

Was im Laub passiert — Stickstoff, Phosphor, Kalium

Wenn das Laub fällt, kehren Nährstoffe in den Boden zurück — Stickstoff, Phosphor, Kalium. Die Bäume haben diese Nährstoffe über den Sommer in ihren Blättern gesammelt und jetzt, im Herbst, abgeworfen. Pilze und Bakterien brechen sie herunter. Regenwasser wäscht sie in tiefere Bodenschichten. Im nächsten Frühling nehmen die Baumwurzeln sie wieder auf — über das Mykorrhiza-Netzwerk, das die Nährstoffe direkt an die Wurzeln liefert.

Dieser Kreislauf läuft in der Altwald Ville seit 1978 ungestört. 48 Jahre ohne Eingriff haben einen Boden entstehen lassen, der Nährstoffe speichert, Wasser filtert und Kohlenstoff bindet. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der dieser Kreislauf am sichtbarsten wird: Wenn das Laub fällt, beginnt alles von vorn — mitten im Rhein-Erft-Kreis, zwischen Brühl und Erftstadt, in einem Wald, den niemand bewirtschaftet.

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