Die Ville im Frühling: Vom Braunkohletagebau zum Urwald
Stand: 26. Juni 2026 · Fehler entdeckt? Hinweis senden
Bevor die Bäume der Ville ausschlagen, passiert etwas, das nur im alten Wald funktioniert. Auf dem Waldboden, noch bevor das Kronendach sich schließt, blühen die Frühblüher. Wald-Primeln und Hohe Schlüsselblumen dringen durch die Schicht des vorjährigen Laubs und nutzen das letzte Licht, bevor die Buchen ihnen den Weg nehmen. Dieser Moment — zwischen März und April — ist der schönste und gefährlichste Zeitpunkt im Wald. Die Frühblüher haben nur Wochen. Dann schließt sich das Kronendach, und das Licht am Waldboden verschwindet bis zum nächsten Frühling.
In der Naturwaldzelle Altwald Ville bei Erftstadt läuft dieser Zyklus ungestört — seit 1978. Kein Baum wird gepflanzt, keiner wird gefällt. Was wächst, wächst weil der Wald es will. Was stirbt, stirbt weil der Wald es zulässt.
Aus Tagebaugruben wurde Wald — die Geschichte der Ville
Die Ville bei Erftstadt war Braunkohle-Tagebau. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde hier in dutzenden Gruben Kohle abgebaut — die Grube Liblar, die Grube Concordia, die Grube Donatus, die Vereinigte Ville. Die Landschaft war zerstört: kahle Abbaugruben, Baggerlöcher, Abraumhalden. Ende der 1920er Jahre wurde der Abbau schrittweise eingestellt, und die Natur übernahm.
Aus kahlen Gruben wurde Wald. Aus Tagebaulöchern wurden Seen — heute sind es etwa 40, verteilt über fast 75 Quadratkilometer. In 100 Jahren entstand ein Mischwald aus Buchen, Kiefern, Eichen, Hainbuchen, Birken, Pappeln und Bergahorn. Der Boden besteht aus Löss und Lössfließerde aus dem Pleistozän — fruchtbarer Grund für eine erneuerte Landschaft. Die Ausweisung als Naturwaldzelle 1978 war der entscheidende Schritt: 20 Hektar Wald, die sich ab da selbst überlassen blieben.
Der Mittelspecht braucht morsche Eichen
Im Frühling beginnt die Brutzeit in der Ville. Der Mittelspecht (Dendrocoptes medius) sucht sich einen morschen Baum und hämmert eine Höhle hinein. Er braucht weiches Holz — genau das, was nur ein ungenutzter Wald bietet. Der Mittelspecht ist etwas kleiner als der Buntspecht und auf alte Eichen und Buchen angewiesen, deren Rinde sich löst und deren Holz weich wird. In Wirtschaftswäldern fehlen diese Bäume — der Mittelspecht ist deshalb in Nordrhein-Westfalen stark gefährdet.
Seine alten Höhlen werden im Sommer von Fledermäusen übernommen, im Winter von anderen Tieren. Ein einziger morscher Baum in der Ville ist über Jahre hinweg Wohnung für dutzende Tierarten — ein Lebensraum, der in bewirtschafteten Wäldern nicht existiert.
Erdkröten wandern hunderte Meter zum See
Wenn die Nächte wärmer werden, wandern Frösche, Kröten und Molche zu den Seen der Ville. In den seichten Uferzonen legen sie ihren Laich ab. Das Wasser ist jetzt warm genug — die obersten Schichten erreichen im April 10 bis 15 Grad. Erdkröten wandern oft hunderte Meter von ihren Winterquartieren im Wald zu den Seen. Grasfrösche legen Klumpen mit tausenden Eiern ins flache Wasser. Teichmolche suchen Pflanzenstängel, um ihre Eier einzeln anzukleben.
Die Villeseen sind nicht nur Sommerquartier. Sie sind Lebensraum für Amphibien, die im Rhein-Erft-Kreis immer seltener werden. Wer im Frühling am Ufer steht, hört den Froschchor — eines der letzten intakten Amphibien-Lebensräume in der Region. Die Seen sind Teil des Naturparks Rheinland und mehrerer Natura 2000-Schutzgebiete.
Wie das Pilznetzwerk den Frühling vorbereitet
Im Frühling erwacht nicht nur das, was man sieht. Unter dem Waldboden der Ville liegt das Wood Wide Web — ein Geflecht aus Pilzfäden, das mit den Baumwurzeln verschmolzen ist. Über dieses Netzwerk nehmen die Bäume Nährstoffe auf, die im Herbst und Winter durch die Zersetzung von Laub und Totholz entstanden sind. Pilze wandeln Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor aus dem Boden in Formen um, die die Bäume nutzen können. Im Gegenzug erhalten die Pilze Zucker, den die Bäume durch Photosynthese produzieren.
Im Frühling beginnt dieser Austausch von vorn: Die Bäume schlagen aus, produzieren Zucker, teilen ihn über das Pilznetzwerk mit den Pilzen. Die Pilze liefern im Gegenzug Nährstoffe aus dem Boden. Ein Kreislauf, der seit 1978 ungestört läuft.
Was man im Frühling in der Ville sehen kann
Wer im Frühling durch die Naturwaldzelle geht, sieht etwas, das es in Wirtschaftswäldern nicht gibt: einen Wald, der sich selbst ordnet. Totholz bleibt liegen, Jungbäume wachsen in Lücken, die ein umgestürzter Baum gerissen hat. Pilze besiedeln morsche Stämme. Käferlarven fressen sich durch das Holz. Niemand greift ein.
Die Ville im Frühling ist das beste Argument für Wildnis in der Region. 100 Jahre nach dem Braunkohle-Abbau zeigt sie, was möglich ist, wenn der Mensch loslässt. Der Frühling ist der Beweis: Aus zerstörter Landschaft kann Urwald entstehen — wenn man Zeit hat. Und die Ville hat Zeit.



